Hadot hat gezeigt, dass Marc Aurels «Selbstbetrachtungen» nicht für Leser geschrieben waren. Sie waren tägliche Übungen: Der Kaiser schrieb an sich selbst, um seine Grundsätze lebendig zu halten. Seneca erzählt, wie er jeden Abend den Tag durchging. Er fragte sich, welche Schwäche er geheilt, welcher Versuchung er widerstanden habe und worin er besser geworden sei. Dabei verurteilte er sich nicht, sondern verzieh sich und nahm sich Neues vor. So verstanden ist Philosophie ein Weg, den man jeden Tag neu beginnt.
Übung für heute Abend: Nimm dir zehn Minuten Zeit. Geh den Tag ohne Urteil durch wie einen Film und stell dir drei Fragen:
- Wo war ich wach und bei mir?
- Wo habe ich aus Gewohnheit reagiert?
- Was nehme ich mir für morgen vor?
Schreib zum Schluss einen Satz an dich selbst, in der Du-Form, wie Marc Aurel.
Nach Pierre Hadot, «Die innere Burg»; Seneca, Über den Zorn III,36