In seinem Buch über Marc Aurel beschreibt Hadot eine stille, aber wirksame Übung: die Dinge so nüchtern zu beschreiben, wie sie an sich sind, ohne die Werturteile, die wir ihnen anhängen. Marc Aurel nennt den kostbaren Purpurmantel einfach Schafwolle, die mit dem Blut einer Schnecke gefärbt wurde. Es geht darum, das Ereignis selbst von der Geschichte zu trennen, die wir darüber erzählen. Denn ein grosser Teil unseres Leidens wohnt in unseren Urteilen und nicht in den Dingen.
Übung für heute: Nimm eine Situation, die dich heute geärgert oder gekränkt hat.
- Beschreibe sie in zwei Sätzen so nüchtern wie ein Protokoll. Schreib nur auf, was eine Kamera aufgezeichnet hätte.
- Notiere darunter, was du hinzugefügt hast, etwa «respektlos», «typisch» oder «unerträglich».
- Frag dich: Was ist Tatsache, was ist mein Urteil? Und was davon liegt in meiner Macht?
Nach Pierre Hadot, «Die innere Burg. Anleitung zu einer Lektüre Marc Aurels»; Marc Aurel, Selbstbetrachtungen VI,13